Tom und der Löwe

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Tom und der Löwe

Tom und der Löwe

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war der kleine Tom mit seinen Eltern in Simbabwe im Hwange-Nationalpark unterwegs. Der Vater war als Ethnologe und die Mutter in der Entwicklungshilfe tätig. Tom wuchs zu großen Teilen ohne seine Eltern auf. Die Erziehung übernahm Sennah, die Haushälterin der Familie. Übersetzt bedeutet Sennah so viel wie „Geschenk Gottes“ und tatsächlich hatte die kleine, etwas pummelige, aber überaus intelligente Dame einiges für die deutsche Familie getan. Sie lehrte Tom nicht nur lesen, schreiben und rechnen sowie all die Dinge, die ein junger Mensch auch im entfernten Deutschland lernte in jener Zeit.

Sie zeigte Tom auch, wie er sich in der freien Natur verhalten musste. Welche Tiere harmlos sind und um welche er besser einen raschen, aber unauffälligen Bogen macht. Tom war ein neugieriges Kind und ein guter Zuhörer, so dass er all das, was Sennah ihm beibrachte, auch behielt und verinnerlichte. Am meisten bewunderte Tom an Sennah ihre Fähigkeit, Tierstimmen zu imitieren. Jedes heimische Tier, das auch nur das leiseste Geräusch von sich geben konnte, machte sie täuschend echt nach. Und Tom lernte, nicht wissend, dass ihm das, was ihm als Spiel am meisten Spaß gemacht hat, Ruhm und Anerkennung bringen würde.

Er wusste aber schon, dass Löwen für den Menschen nicht sonderlich gefährlich sind, wenn sie gerade eine Mahlzeit hatten und sie auch ihren Nachwuchs sicher wähnten. Tom liebte Löwen und ganz besonders hatte es ihm Cecil und sein Rudel angetan. Die imposante Erscheinung des Rudelführers beeindruckte Tom immer wieder. So wie es seine Zeit zuließ, beobachtete er die Raubkatzen und war der festen Überzeugung, dass sie auch ihn beobachteten, seine Anwesenheit akzeptierten und ihm vertrauten.
Er träumte davon, so wie einst im Jahre 1967 Dian Fossey im Familienverbund mit ihren Berggorillas lebte, sehr viel mehr Zeit mit seinen Löwen zu verbringen und sie nach Kräften und bedingungslos vor Wilderern zu schützen oder auch vor Menschen, die Cecil und seinen Clan als Bedrohung sahen und das Rudel vertreiben oder töten wollten.

Tom nahm an jenem Tag, der seine Zukunft maßgeblich verändern sollte, nicht nur den Aasgeruch der Antilope wahr, über die sich Cecil naturgemäß als erster hermachen durfte. Er spürte auch eine diffuse Gefahr, die in der Luft lag. Dies beunruhigte Tom und er schärfte seine Aufmerksamkeit. Er ließ seinen Blick schweifen. Erst war es nur eine Ahnung, die seinen Blick nur knapp 50 Meter rechts von ihm bei einem Mopane-Strauch verharren ließ. Jener Strauch, der ja nur in der Trockenzeit ein Strauch ist und in der Regenzeit zu einem bis zu 30m hohen Baum mutiert, bot fünf Männern Schutz, die von dort aus ebenfalls das Löwenrudel beobachteten.

Tom wusste gleich, was diese Männer vorhatten. Sennah hatte ihm schon oft von Wilderern erzählt, die Touristen zu den Tieren führten, damit diese dann in einem Akt grausamer Sinnlosigkeit auf diese Tiere schießen konnten und sich Zuhause mit Trophäen ihrer Jagd und maßlos übertriebenen Schilderungen ihrer Heldenhaftigkeit schmückten. Diese Heldenstories wurden von den Touristen teuer erkauft und so fanden sich immer wieder neue Wilderer, die in den Tieren leichte Beute und in den Touristen eine lukrative Einnahmequelle sahen. Grausam!

Es waren fünf Männer. Ein einheimischer Wilderer mit 4 Touristen. Die Ungeduld der Touristen war es wohl auch, die Tom auf die Gruppe aufmerksam werden ließ. Der Wind kam aus Richtung des Löwenrudels, so dass diese ihre potenziellen Peiniger nicht bemerken konnten.

Sennah vertraute Tom. Sie wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Doch irgendetwas beunruhigte sie an jenem Tag. Sie ärgerte sich über sich selbst, die Sorge, die sie plötzlich um Tom hatte. Ein neues, ein fremdartiges Gefühl. Beruhigen konnte sie sich nicht. Im Gegenteil. Das Gefühl wurde von Minute zu Minute stärker. So stark, dass sie Uzoma aufsuchte. Uzoma bedeutet „folge dem rechten Weg“ und er machte seinem Namen tatsächlich alle Ehre. Selbst Jäger, respektierte Uzoma aber die einheimischen Tiere und entschuldigte sich jedesmal, wenn er eines erbeutete mit den Worten „Danke, dass du meiner Familie hilfst, satt zu werden.“ Sennah erzählte ihm von ihrem Gefühl und fragte Uzoma, was er an ihrer Stelle machen würde.

Tom hatte Angst. Zum ersten Mal in seinem Leben. Und es waren nicht die Löwen, die ihm Angst machten. Es war das Raubtier Mensch. Nur knapp 50 Meter von ihm entfernt in seiner skrupellosesten Ausprägung. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das hatte Sennah ihm beigebracht. So versuchte er, sich zu beruhigen und dachte nach, wie er seinen Freunden helfen könnte. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Vor seinem geistigen Auge sah er fünf Männer, wie sie mit ihren Gewehren immer wieder auf seine Löwen schossen. Er sah ein Schlachtfeld voll von toten und schwer verletzten Löwen, die … STOP! Jetzt zwang Tom sich mit einem starken Signalwort zur Ruhe und dies gelang ihm auch. Er wurde ganz ruhig und setzte zu überlegtem Handeln an.

Uzoma verstand Sennah’s Sorge. Auch er hatte sich schon oft von diesen Gedanken leiten lassen und wusste, dass man ihnen vertrauen konnte. Er versprach Sennah, den Platz des Löwenrudels aufzusuchen. Beide wussten, dass Tom sicherlich dort sein würde. Auch er verspürte jetzt diese diffuse Sorge um Tom. Er lief. Schnell. Immer schneller.

Tom wusste, was seine Löwen jetzt in höchste Alarmbereitschaft versetzen könnte. Und mit etwas Glück könnte das nicht nur den Löwen, sondern auch ihm das Leben retten. Tom wusste aber auch, dass sein Plan hundertprozentig funktionieren musste. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Dies ist kein Spiel. Hier geht es um Leben und Tod.

Nur seiner unglaublich guten körperlichen Verfassung hatte es Uzoma zu verdanken, dass er sich nach diesem Lauf nicht durch lautes Atmen verriet. Geräuschlos näherte er sich der Szene, die er gleich richtig zu deuten wusste. Fünf Wilderer hatten das Löwenrudel im Visier, fest entschlossen, im nächsten günstigen Moment ihr Massaker zu starten. Uzoma kannte diese Szenen. Und er hasste sie. Dann sah er Tom und wusste, dass auch dem Jungen klar war, wie gefährlich die Situation gerade ist.

Tom dachte an ein Rudel Hyänen. Ausgehungert. Wild entschlossen, sich zu holen, was sie dringend benötigten: Fleisch. Tom wusste, dass Hyänen auch Löwen angriffen, wenn sich ihnen keine andere Beute bot und der Hunger groß genug war. Dann ging alles ganz schnell. Mit markerschütternden Geräuschen ertönte wildes, blutrünstiges Bellen und Heulen aus Tom’s Kehle. Immer wieder. In vielen verschiedenen Tonlagen.

Alle Löwen schreckten sofort auf und waren von nun an nur noch in Bewegung und so für wildernde Touristen kein leichtes Ziel mehr. Die Wilderer erschraken, sahen aber nicht, wer oder was die Löwen in panikartiges Verhalten versetzte. Doch sie machten die Richtung aus, von woher die Laute kamen und richteten ihre Blicke auf Tom, ohne ihn jedoch entdeckt zu haben. Uzoma erkannte die Gefahr, in der Tom sich jetzt befand. Auch er konnte Tierlaute imitieren. Allerdings nicht annähernd so gut wie Sennah oder Tom. Aber das war jetzt nicht wichtig und so stieß er wilde Hyänenrufe aus und wechselte immer wieder den Standort. Jetzt sahen sich die Wilderer in ernster Gefahr und sie flüchteten zu ihrem Geländewagen und fuhren davon, ohne genauere Analyse der Situation. Heute also keine Beute.  Die Löwen waren gerettet.

Später erzählten Tom und Uzoma von dem Abenteuer. Zunächst Sennah in allen Einzelheiten. Doch schon bald wollten die Dorfbewohner die Geschichte von der Rettung des Löwen Cecil und seines Rudels hören und trugen sie auch immer weiter. Auch Tom’s Eltern erfuhren davon. Zunächst verärgert überwog dann aber doch die Freude, dass ihr Sohn sein Abenteuer unbeschadet überstanden hat. Ärger und Sorge um ihren Sohn wichen unbändigem Stolz, dass Tom sich und seine Löwen aus dieser gefährlichen Situation befreien konnte.

Ein britischer Forscher und Kollege von Tom’s Vater war derart beeindruckt von der Geschichte, dass er sie in seiner Londoner Heimat dem Direktor von Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett erzählte. Dieser informierte seinen Amsterdamer Kollegen, weil er wusste, dass die 1970 eröffnete Filiale in der Amsterdamer Kalverstraat noch nach Berühmtheiten für seine Ausstellungsräume suchte.

Tom und der Löwe

Nach Fertigstellung der Figuren Tom und Leila (einer Tochter Cecils) im Amsterdamer Madame Tussauds ist also dieses Foto vom jungen Held und seiner tierischen Freundin entstanden.

So, liebe Leser, jetzt seid ihr dran:

Fakt oder Fake?

Was ist dran an dieser Geschichte? Schreibt mir eure Meinung doch in die Kommentare!

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Über mich

Hast Du erst einmal die ’50‘ überschritten, kommst Du auch mit einer kurzen Vorstellung auf derart begrenztem Raum nicht aus. Es ist also nur dem Platzangebot hier und nicht etwa einem übersteigerten Geltungsbedürfnis des Verfassers geschuldet, dass es dafür eine separate Seite gibt ;-)

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