Win-Win per Rechtsverordnung

Win-Win per Rechtsverordnung Infomaterial

Win-Win Situation: Situation, Gegebenheit, Konstellation, die für alle Beteiligten Vorteile bietet. (Quelle: Duden)

Das von der Bundesregierung am 17.12.2018 verkündete Teilhabechancengesetz soll schwer zu vermittelnde Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit bringen.

Was bedeutet das in der Praxis? Lohnt sich das Modell tatsächlich auch für die Betriebe? Was genau bieten die Instanzen der Arbeitsvermittlung? Und was ist mit den Langzeitarbeitslosen? Kann der als Teil des Projektes in das zweite Sozialgesetzbuch eingefügte Paragraf 16i diese Menschen wirklich wieder in Arbeit bringen oder wird hier ein Papiertiger von Gesetzgebung und Bürokratie als Löwe der Arbeitsvermittlung verkauft?

Ein Nettetaler Beispiel.

Stadtteilpfleger rücken aus
Die Stadtteilpfleger rücken aus - auch wenn's draußen ungemütlich ist

"Mit Arbeit" - eine Chance

Paul Hermann liebt seinen Job im Baubetriebshof der Stadt Nettetal. Er ist motiviert. Er ist zuverlässig. Er ist pünktlich. So, wie sein Chef Ingo Willmann-Russ sich seine Mitarbeiter:innen wünscht. Und doch unterscheidet ihn eine ganze Menge von seinen Kolleginnen und Kollegen.

Paul im Brustporträt

Paul ist 46 Jahre alt und ledig, aber liiert. Mittlerweile. Doch gab es eine lange Zeit in seinem Leben, in der nichts so war, wie es ‚normal‘ ist. Er ist ehemaliger Langzeitarbeitsloser und hat auch sonst Dinge erlebt, die den meisten Menschen glücklicherweise erspart bleiben. Seit September 2019 aber ist er, zunächst für zwei Jahre, beim Baubetriebshof der Stadt Nettetal angestellt. Dieser Job hat sein Leben verändert, ihm wieder eine Perspektive gegeben. Er ist Teilnehmer des von der Bundesregierung entwickelten Gesamtkonzeptes „Mit Arbeit“, dessen Kern im sogenannten Teilhabechancengesetz verankert ist.

Minister Hubertus Heil erklärt

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil erklärt das Konzept anlässlich seines Besuches bei der Deutschen Bahn als exemplarischen Arbeitgeber im Januar 2020 so:
„Mit dem Teilhabechancengesetz finanzieren wir Arbeit statt Arbeitslosigkeit – mit guten, sozialversicherungspflichtigen Jobs.“ Menschen, die sehr lange arbeitslos waren, solle so eine Perspektive und eine geregelte Arbeit gegeben werden. Mit Coachings und Lohnkostenzuschüssen unterstütze man die Unternehmen dabei. Rund 42.000 ehemals langzeitarbeitslose Menschen hätten über das Teilhabechancengesetz seit 2019 eine Arbeit aufgenommen. „Einige davon konnte ich heute kennenlernen. Und es wurde wieder deutlich, dass Arbeit mehr ist als Broterwerb. Sie gibt Struktur, Anerkennung und sorgt für soziale Kontakte“, sagte Heil. „Deshalb geben wir niemanden auf, sondern schaffen auch in Zukunft mit dem Teilhabechancengesetz neue Perspektiven für langzeitarbeitslose Menschen.“1

Strukturen

Paul Hermann betrachtet seinen Job aus einer ganz anderen Perspektive. Er steht jeden Morgen seiner 5-Tage-Woche um 06:50 Uhr mit seinen Kollegen im Außengelände des Baubetriebshofs der Stadt Nettetal bereit. In den Sommermonaten auch schon eine Stunde früher. Für ihn kein Problem. Auch nicht die zwanzigminütige Anfahrt aus Kaldenkirchen mit dem Bus. Einen Führerschein hat er nie gebraucht. Bis jetzt. Im Baubetriebshof angekommen, gibt es eine kurze Begrüßung durch Vorarbeiter Werner Schrievers. Er gibt Anweisungen für den aktuellen Tag aus und einmal in der Woche die Corona-Selbsttests für seine Mitarbeiter:innen.

Schon vor Beginn der eigentlichen Arbeit braucht Paul Hermann Struktur und Disziplin für seinen Tagesablauf. Der frühe Arbeitsbeginn und der Weg zur Arbeit mit dem Bus nötigen ihn zur Pünktlichkeit. Kein Problem für ihn und doch nicht selbstverständlich. Ohne abgeschlossene Ausbildung war er viele Jahre arbeitslos ohne feste Tagesstruktur. Zudem ist er immer wieder an Firmen vermittelt worden, wo es nicht rund lief für ihn. In der Metallverarbeitung stanzte er Löcher in Metallplatten. Eintönige Arbeit in lauten Hallen. Das war nichts für Paul Hermann. Die Arbeit im Garten- und Landschaftsbau schon. Körperliche Arbeit und Bewegung an der frischen Luft. „Das ist mein Ding“, sagt er. Dort aber kam der Lohn spät oder gar nicht und Paul fühlte sich ausgenutzt.

Mehr und mehr wurde er zum Problemfall für die Arbeitsvermittlung, musste im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen den Staplerführerschein machen und eine Schweißerprüfung absolvieren. Er machte das alles, weil es an die Zahlung seiner Leistungen gekoppelt war. Spaß hat ihm das nicht gemacht.

Auch privat lief es nicht gut in dieser Zeit. Er wohnte bei einem Freund zur Untermiete, erfuhr erst, nachdem er keinen Zutritt mehr zur Wohnung hatte, dass dieser die Miete nicht gezahlt hat und deshalb die Wohnung geräumt wurde. In seiner größten Not kam Paul Hermann bei den Steyler Missionaren2 unter. Dort durfte er vorübergehend bleiben. In einem 8-Bett-Zimmer und mit viel nächtlicher Unruhe. Das war mit seinen Arbeitszeiten nicht vereinbar und so zog er erstmal in eine einfache, aber ruhige Wohnung der Steyler Missionare. Besser als nichts.

Mittlerweile wohnt Paul wieder in einer Wohngemeinschaft. Mit einem Kumpel. Beide gehen ihrer Arbeit nach und die Zweckgemeinschaft funktioniert. Auch im Job läuft es gut für Paul. Dazu trägt entscheidend seine Förderung nach dem Teilhabechancengesetz bei. Paul Hermann überzeugte mit seinen Leistungen während des obligatorischen Vorpraktikums, so dass die Stadt Nettetal ihm ein Jobangebot beim städtischen Baubetriebshof für zunächst zwei Jahre machen konnte. Vermittelt vom Kreisjobcenter Viersen ist diese Förderung im § 16i des zweiten Sozialgesetzbuches (SGB II) verankert.

Federführend: Das Kreisjobcenter Viersen

Franz-Josef Schmitz ist dort Geschäftsführer. Schon lange ist er davon überzeugt, dass es besser ist, Menschen wieder in Arbeit zu bringen, als ihre Arbeitslosigkeit zu verwalten. So installierte er bereits 2015 gemeinsam mit dem Kreis ein Projekt, das Langzeitarbeitslose besonders förderte. „Das Teilhabechancengesetz ist das, was noch gefehlt hat“, sagt Franz-Josef Schmitz und ergänzt, dass hier diejenigen Menschen abgeholt würden, die ansonsten keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt gehabt hätten, unter Umständen nie wieder einer geregelten Arbeit nachgegangen wären.

Für Franz-Josef Schmitz ist die Förderung nach § 16i des zweiten Sozialgesetzbuches das Herzstück des Teilhabechancengesetzes. Seit Beginn der Maßnahme Anfang 2019 brachte sie allein im Kreis Viersen 174 Menschen wieder zurück in den Arbeitsalltag. Dreiunddreißig Teilnehmende stiegen aus der Förderung aus. Zum Teil, weil die Problemlage doch zu groß war und der Zeitpunkt für eine derartige Förderung zu früh. Zum Teil aber auch, weil die Teilnehmenden in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse übernommen wurden.
Doch wie genau sieht eigentlich die Förderung nach § 16i SGB II aus?

Das Herzstück im Detail

Für jeden Langzeitarbeitslosen, mit dem ein Arbeitgeber ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis begründet, wird der Lohn in den ersten beiden Jahren der Förderung zu 100 Prozent erstattet. In den darauf folgenden 3 Jahren sinkt die Lohnkostenförderung um jährlich 10 Prozent. Kunden3 des Jobcenters erhalten für die Dauer der Fördermaßnahme ein ganzheitliches Coaching, im ersten Jahr während der Arbeitszeit. Dafür müssen in den Betrieben Freiräume geschaffen werden. Zusätzlich steht für weitere Qualifizierungsmaßnahmen ein Betrag von 3000€ zur Verfügung. Dieses Geld kann für fachliche Weiterbildung oder auch für allgemeine Qualifikationen verwendet werden, zum Beispiel für die Führerscheinprüfung. Diese umfangreiche Förderung ist auch an Bedingungen für die Langzeitarbeitslosen geknüpft. So muss das 25. Lebensjahr vollendet sowie für sechs der letzten sieben Jahre eine Leistung nach dem zweiten Sozialgesetzbuch bezogen worden sein. Daneben darf die zu fördernde Person nicht beziehungsweise nur kurz beschäftigt oder selbstständig tätig gewesen sein. Außerdem wird die Förderung über den gesamten Zeitraum von fünf Jahren pro Person nur einmal vergeben.

Schaubild Teilhabechancengesetz

Infografik “Mit Arbeit”4

„Mitte 2018 brachten wir das ‚Großprojekt Teilhabechancengesetz‘ auf Kreisebene auf den Weg“, erklärt Franz-Josef Schmitz. Seine Behörde ist hierbei federführend beteiligt. „Wir informierten potenzielle Arbeitgeber über das gesamte Programm, insbesondere über dessen Fördermöglichkeiten“, sagt er. Personalverantwortliche in den Betrieben mussten dafür geöffnet werden, langzeitarbeitslose Menschen einzustellen. Die meisten Arbeitgeber:innen möchten ihre Jobs erledigt wissen und sind erst danach an einer finanziellen Förderung interessiert.

Hin und wieder gibt es schwarze Schafe unter den Firmen. Es liegt in der Natur der Sache und der beteiligten Menschen, dass ein Angebot von Förderleistungen immer wieder mal missbraucht wird. Die meisten Fälle werden jedoch mittels einer beim Kreisjobcenter geführten Arbeitgeberdatenbank erkannt. Zudem ist die Behörde gut vernetzt und kennt so die potenziell in Frage kommenden Betriebe.

Neben der Aufklärung über die Fördermöglichkeiten muss immer wieder erklärt werden, warum das obligatorische Coaching so wichtig ist. Um so mehr, als dass dieser Teil der Fördermaßnahme zumindest in den ersten zwölf Monaten innerhalb der Arbeitszeit stattfindet.
Diese Aufklärungsarbeit übernehmen Mitarbeiter:innen der Jobcenter, die sogenannten Betriebsakquisiteurinnen und -akquisiteure.

Michael Dammer ist ein solcher Betriebsakquisiteur innerhalb des Kreisjobcenters in Viersen. Im Gegensatz zur ‚normalen‘ Vermittlung von Arbeitssuchenden in neue Tätigkeiten, vermittelt Dammer bestimmte Arbeitssuchende in ganz bestimmte, offene Stellen. Keine Auswahlverfahren in den Betrieben. Keine Bewerbungs-, dafür Vorstellungsgespräche. Kein Konkurrenzdruck. Lediglich ein gegenseitiges ‚Beschnuppern‘ in lockerer Atmosphäre. In Behördensprache heißt das ‚Assistierte Vermittlung von Arbeitnehmern‘, so geht es aus einem Flyer des Kreisjobcenters hervor. Michael Dammer sorgt dafür, dass Betriebe und Arbeitnehmer:innen für die Förderung nach dem Teilhabechancengesetz zusammenfinden. Auf Betriebsseite bedeutet das, passende Betriebe auszuwählen, anzusprechen und für das Projekt zu begeistern.

„Zunächst betreiben wir aufwändige PR-Arbeit bei den Betrieben“, sagt Michael Dammer und ergänzt, dass vordringlich die Vorbehalte auszuräumen wären. „Die finanzielle Förderung ist zwar ein schöner Türöffner, doch in erster Linie soll in den Betrieben ja ein Job gemacht werden“, sagt der Betriebsakquisiteur. Gerne betont er auch den Imagegewinn für die Firmen, die an diesem Projekt teilnehmen, verschweigt aber auch nicht, dass es immer auch Menschen mit einer ganz besonderen Geschichte sind, die hier vermittelt werden.

Ingo Willmann-Russ, Leiter des Baubetriebshofes der Stadt Nettetal und Vorgesetzter von Paul Hermann, räumt die Bedenken auf Arbeitgeberseite für seinen Bereich aus: „Ich wundere mich schon darüber, dass diese Mitarbeiter sehr lange arbeitslos waren, habe ich doch festgestellt, dass sie zuverlässig sind und ihre Arbeit gut machen.“

Stadtteilpfleger in Nettetal - Impressionen I

Michael Dammer hatte bei der Vermittlung von Paul Hermann in den Baubetriebshof der Stadt Nettetal ein gutes Händchen. Der ehemalige Insolvenzberater und Quereinsteiger beim Kreisjobcenter legt großen Wert darauf, dass die Anstellungen potenziell auch über den Förderzeitraum hinaus bestehen und im besten Fall in unbefristete Arbeitsverhältnisse überführt werden können.

Partnerbörse Jobcenter - wer matcht?

Michael Dammer ist deshalb nicht nur einseitig bei den Betrieben tätig. Um die Kundinnen und Kunden zu erreichen sowie vor allem deren Vertrauen zu gewinnen, braucht es viel Sensibilität. Generelle Bereitschaft, an diesem Projekt teilzunehmen, ist nur ein Punkt, wenn auch ein wichtiger. Denn hier gibt es keine Zwänge. Die Teilnahme am Förderprojekt ist absolut freiwillig und aus einer Ablehnung erwachsen keinerlei Konsequenzen.

Daneben spielen vor allem die sogenannten Softskills eine wichtige Rolle. Ist er oder sie sensibel und reagiert verschüchtert oder gar aufbrausend, wenn es unter den Mitarbeitenden mal etwas rauer wird? Können sich die Kundinnen und Kunden in ein bestehendes soziales Gefüge ein- und meist auch unterordnen? Kann und will sie oder er im Freien arbeiten, auch bei schlechten Witterungsverhältnissen?

Es reicht hier nicht aus, grob abzuschätzen, ob bestimmte Eigenschaften schon vorhanden sind. Michael Dammer muss erkennen, ob die Kandidatin oder der Kandidat bei einer bestimmten Stelle eventuell erst durch ein entsprechendes Coaching zum geeigneten Bewerber, zur geeigneten Bewerberin wird. Sowohl eine Kurzqualifikation vor Antritt der vermittelten Arbeitsstelle als auch ein kontinuierliches Coaching über die gesamte Förderdauer sind feste Bestandteile des Projektes.

Die Trainer - Hilfe zur Selbsthilfe

Wie alle beteiligten Fachleute, so ist auch Axel Sauer von diesem Förderprogramm überzeugt. Er ist Regionalleiter der bundesweit agierenden Berufsförderungsgesellschaft Tertia und betreut zusammen mit seiner Kollegin und Leiterin der Viersener Tertia-Niederlassung, Ines Walther, das Coaching unter dem Dach der Tertia-Tochtergesellschaft zur Förderung der Arbeitsaufnahme mbH & Co. KG (GFA) in Viersen. Die GFA leistet im Auftrag des Jobcenters für den Kreis Viersen während der gesamten Förderungsdauer ein ganzheitliches, beschäftigungsbegleitendes Coaching. Ganzheitlich bedeutet in diesem Kontext, dass sich eine Betreuung nicht allein auf Situationen am Arbeitsplatz beschränkt, sondern darüber hinaus die persönlichen Probleme der Langzeitarbeitslosen berücksichtigt.

Schaubild Coaching Tertia

Ganzheitliche, beschäftigungsbegleitende Betreuung – Coaching der GFA5

„Die Schutzhülle eines Leistungsbezuges fällt für diese Menschen plötzlich und nach langer Zeit weg“, sagt Axel Sauer. Angstgefühle spielen oft eine Rolle. Das Coaching der GFA soll dem entgegenwirken. Dass dies in den meisten Fällen auch gelingt, bestätigt den richtigen Kurs des Förderprojektes. Viele Teilnehmer des Projektes sähen dies als ihre ‚letzte Chance‘. Das fördere die Motivation der Teilnehmer.

Drei Coaches betreuen dort derzeit 129 Fälle, zu denen auch Paul Hermann gehört. Zu Beginn der Maßnahme ist der Betreuungsaufwand mit vier Stunden im Monat angesetzt und wird, je nach individuellem Bedarf, nach unten oder oben angepasst. So unterschiedlich die Klientel der GFA ist, so vielseitig ist auch das Coaching: Ganz egal, ob es Probleme macht, pünktlich zur Arbeit zu kommen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, ob es Ärger mit Chef:in oder unter Mitarbeitenden gibt, ob der Job zu anspruchsvoll ist oder zu eintönig. Kein Problem, das die Coaches nicht angehen. Und wenn gewünscht, dann unterstützen sie die Kunden auch bei Behördengängen oder stellen bei finanziellen oder Suchtproblemen genau wie bei Problemen der Kinderbetreuung oder Pflege den Kontakt zu Stellen wie Schuldnerberatung, Suchtberatung oder zur Kinder- und Jugendhilfe her. Bei allen gebotenen Hilfen bleibt aber oberstes Gebot, die Kundinnen und Kunden wieder zu einem selbstbestimmten Leben zurückzuführen. Hilfe zur Selbsthilfe ist hier die Prämisse.

Sowohl die fachlichen als auch die persönlichen Ansprüche an die Coaches sind hoch. Formal ist nach Deutschem Qualifikationsrahmen (DQR) die Stufe 6 gefordert. Dies entspricht einem Bachelor-Abschluss oder vergleichbaren Abschlüssen. Dieser Standard wurde auch mit Einführung des Teilhabechancengesetzes beibehalten. Freie Fachkräfte, zum Beispiel ehemalige Beschäftigte aus der Zeitarbeitsvermittlung, erfüllen diese Voraussetzung oft nicht und so musste die Tertia die Mitarbeiter:innen für das neue Projekt größtenteils aus den eigenen Reihen rekrutieren. Diese Kräfte waren es gewohnt, ihrer Arbeit in den zertifizierten Räumen der Tertia nachzugehen. Dies bedeutet, dass die Räume technisch zeitgemäß ausgerüstet sind und ergonomisch hohen Ansprüchen genügen. Dieses Optimum findet sich selten dort, wo das Fördercoaching stattfindet. Mit ihren mobilen Büros sind die Coaches nicht auf einen W-LAN-Zugang angewiesen. Sie haben ihr mobiles Datennetz dabei. Gut, wenn ein Mobilfunknetz verfügbar ist. Die Coaches sind viel mit dem Auto und ihrem mobilen Büro unterwegs. Sie sprechen die Coaching-Zeiten mit den Kundinnen und Kunden ab und prüfen, wie diese Zeiten in die betrieblichen Abläufe integriert werden können. Dazu verlangt das Jobcenter als Auftraggeberin einen exakten Stundennachweis. Der ist zur Kostenkontrolle nötig, stellt aber einen zusätzlichen Arbeitsaufwand für die Coaches dar. Dazu gab und gibt es in den Jahren 2020 und 2021 erhebliche Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Das schaffen nicht alle Mitarbeiter:innen und kehren in das Inhouse-Coaching der Tertia zurück.

Gerade zu Beginn der Pandemie sei die Situation für alle Beteiligten schwierig gewesen. Dabei denkt Axel Sauer mit Schrecken an die Zeit des ersten Lockdowns zurück. Das Coaching konnte nicht wie gewohnt, vor Ort unter vier Augen, sondern nur noch per Telefon stattfinden. Auch sei es äußerst schwierig gewesen, das unbedingt erforderliche Vertrauensverhältnis zu neuen Teilnehmenden per Telefon aufzubauen, erklärt er.
Im 2017 fertiggestellten Neubau des Baubetriebshof-Verwaltungsgebäudes stehen Räume zur Verfügung, in denen ein Coaching ungestört stattfinden kann. Pandemiebedingt notfalls auch per Telefon. Paul Hermann ging mit dieser Situation gelassen um. Ein Kollege mit Migrationshintergrund hätte aufgrund fehlender Sprachkenntnisse deutlich mehr Schwierigkeiten im täglichen Leben und erst recht während der schlimmsten Phase der Corona-Pandemie. Paul Hermann war zu jeder Zeit auf seine Aufgaben fokussiert und motiviert, seinem Arbeitgeber gute Dienste zu leisten.

Stadtteilpfleger in Nettetal - Impressionen II

Win-Win? Entscheidung im Baubetriebshof

Hohe Identifikation mit dem Betrieb sowie Verantwortung im Job bescheinigt auch Ingo Willmann-Russ den § 16i-Kräften in seinem Bereich. Derzeit beschäftigt der Baubetriebshof der Stadt Nettetal fünf geförderte Mitarbeiter. Vier Kollegen sind mit dem E-Lastenrad unterwegs und picken jeweils den Müll in ihren Bezirken auf festgelegten Routen auf. Ein Kollege arbeitet auf dem Gelände des Baubetriebshofes, nimmt den Kleingeräte-Elektroschrott an und sortiert diesen auch gleich. Paul Hermann ist einer der Stadtteilpfleger. Sein Bezirk ist Breyell und Schaag. Dort hat er seine feste Route. Zusätzlich fährt er montags Onnert an, dienstags die Dülkener Straße bis zum Schänzchen sowie mittwochs die Pergola am Nettebruch.

Ingo Willmann-Russ freut sich, dass er mit diesen motivierten Kräften dazu beiträgt, das Stadtbild in Nettetal ansprechender zu gestalten. „Man muss ganz klar sagen, dass hier gute Arbeit geleistet wird und dies auch so bei den Bürgern ankommt“, sagt er. Dennoch weiß er nicht, ob er seine § 16i-Kräfte nach Ablauf der ersten zwei Jahre auch weiterbeschäftigen kann. „Wir versuchen die Mitarbeiter zu halten, doch ist dies immer auch eine politische Entscheidung und hängt immer vom jeweiligen Stellenplan der Stadtverwaltung ab“, sagt Ingo Willmann-Russ.

Stadtteilpfleger Paul mit Vorarbeiter
Plädiert für eine Vertragsverlängerung: Vorarbeiter Werner Schrievers

Geht es nach Vorarbeiter Werner Schrievers, gäbe es die von allen Seiten gewünschte Vertragsverlängerung für den Stadtteilpfleger Paul Hermann. Gut und hilfreich wäre es, wenn Paul Hermann seine Führerscheinprüfung besteht, sagt Schrievers und ergänzt, dass Mitarbeitende mit Führerschein naturgemäß flexibler einsetzbar sind.

Sorge oder Zuversicht?

Paul Hermann ist angekommen. In seinem Traumjob, weil er endlich draußen arbeiten kann und dazu fair behandelt sowie nach Tarif bezahlt wird. Weil er, in seinem Betätigungsfeld selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten kann. Weil er, so sagt er selbst, auf seiner Route „keinen Menschen ertragen muss und auch die Menschen mich nicht ertragen müssen“. Dabei wirkt der braungebrannte Sechsundvierzigjährige nicht menschenscheu. Im Gegenteil. Immer wieder trifft er auf Passanten, die ihn freundlich grüßen und ein paar Worte mit ihm wechseln. Ob es nun Nilo ist, der kleine Mischlingshund, der bellt, wenn Paul Hermann sich nach einem kurzen Plausch mit Nilo’s Frauchen wieder auf sein E-Bike setzt. Oder Dieter, der Onkel eines Kollegen, mit dem sich Paul Hermann ab und zu austauscht.

Ja, Paul Hermann ist angekommen. Auch im Leben. Er lebt jetzt in einer zuverlässigen Wohngemeinschaft. Er ist verlobt mit Monika, mit der er gern zusammenziehen und die er heiraten will, sobald er eine sichere Einkommensperspektive hat. Ein Hund soll die Familie perfekt machen.

Der im August auslaufende Arbeitsvertrag als Stadtteilpfleger im Baubetriebshof der Stadt Nettetal wird im Rahmen der Fördermaßnahme nach dem Teilhabechancengesetz verlängert. So weit, so gut. Und doch hofft Paul Hermann auf eine unbefristete Vollzeitstelle im Baubetriebshof. Die Perspektive, die er sich für sein weiteres Leben wünscht. Doch bleibt er Realist: „Es wäre sehr schade, wenn es bei der Stadt Nettetal nicht klappt“, sagt Paul Hermann. Doch anders als früher scheint er von Resignation weit entfernt.

Vieles in seinem Leben hat sich mit der Fördermaßnahme zum Vorteil entwickelt, ihn in seiner Persönlichkeit gestärkt. Und am Rest will Paul Hermann arbeiten. Wie zum Beispiel an seinem Führerschein, den er gerade macht. Erlebt man diesen Menschen, glaubt man nicht, dass er einmal ein ganz anderes Leben geführt hat. Er ist stärker geworden und weiß, dass es auch immer mal wieder Niederlagen und Rückschläge in seinem Leben geben wird.

Stadtteilpfleger Paul vor Kirche
Weg in eine gesicherte Zukunft?

Aber zerbrechen wird er daran nicht, sagt Paul.

Stadtteilpfleger in Nettetal - Impressionen III

Fußnoten

2. Die Steyler Missonare sind eine Ordensgemeinschaft innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

3. Im allgemeinen Sprachgebrauch der Bundesanstalt für Arbeit und auch der Jobcenter werden die Leistungsempfänger seit der Zeit der Hartz-Reformen als Kunden bezeichnet. Auf die Problematik dieser, vielfach kritisch betrachteten Bezeichnung sei an dieser Stelle hingewiesen. Dass der Begriff dennoch hier verwendet wird, spiegelt nicht die anerkennende Zustimmung des Autors wider, sondern erfolgt aus Gründen der einfacheren Darstellung.

4. Infografik “Mit Arbeit”. Quelle: https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Grundsicherung-Arbeitslosengeld-II/Beschaeftigungschanchen-im-SGB-II/Teilhabechancengesetz/infografiken-teilhabechancengesetz.html

5. Auszug aus dem GFA-Flyer “Coaching”, Ausgabe für Kundinnen und Kunden. Quelle: https://www.tertia.de/gbb_viersen

Anmerkung des Autors:

Dieser Report (Dank und Gruß an Cordt Schnibben, dem Leiter der Reporterfabrik, der mir in seinem Workshop den Unterschied zwischen Report und Reportage erklärte) war ursprünglich als Reportage mit den Zutaten Protagonist, Story und Konflikt geplant. Ein Tag im Leben des Stadtteilpflegers Paul, so der Arbeitstitel. Die Story sollte auf einem Tagespraktikum des Autors beim Baubetriebshof der Stadt Nettetal basieren.

Bei den ersten Gesprächen mit den Experten stellte ich fest, dass es hierbei um sehr viel mehr geht. Dass ein Großprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales dafür gesorgt hat, dass mit Paul ein ehemaliger Langzeitarbeitsloser wieder einer geregelten Arbeit nachgeht. Dass er Tariflohn erhält und wieder das Gefühl hat, gebraucht zu werden und selbst seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Das warf viele Fragen auf, die alle Experten gerne kompetent und umfassend beantwortet haben. So stand ich irgendwann vor der Entscheidung, in welche Richtung sich die Story entwickeln sollte. Bleibt es bei der klassischen Reportage oder wird es doch ein Report, der das Allgemeine veranschaulicht? Aufgrund der Komplexität des Themas, seiner grundlegenden Bedeutung für die Gesellschaft und der zahnradmäßig ineinandergreifenden Behörden, denen man ansonsten eher hölzerne Arbeitsweisen nachsagt, habe ich mich für den Report entschieden.

Doch am Ende ist es nicht so wichtig, welche journalistische Darstellungsform gewählt wurde. Wichtig ist, mit dem Teilhabechancengesetz und dessen größter Säule, dem Paragrafen 16i des zweiten Sozialgesetzbuches, ein Erfolgsmodell vorzustellen. Und es galt die Frage zu klären, ob ein eingefügter Paragraf wieder Struktur in das Leben eines Menschen bringen kann, dem diese Struktur durch langjährige Arbeitslosigkeit abhanden kamen.

Im Falle von Paul Hermann sieht dies ganz danach aus. Möglich geworden durch ein Bundesgesetz und der Bereitschaft aller beteiligten Stellen, Hand in Hand zu arbeiten, ganz im Sinne dieses einen Kunden. Das mag nicht in jedem Fall gelingen, doch jeder Versuch, jede Anstrengung ist es wert, wenn es darum geht, ein Leben wieder lebenswert zu machen.

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